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Zukunfts-Fest! Wie Kanzleien aktiver gegen Ausbildungsabbrüche vorgehen

Zukunfts-Fest! Wie Kanzleien aktiver gegen Ausbildungsabbrüche vorgehen
© Mateus Campos Felipe / Unsplash

Als Arbeitgeber konkurrieren Juristen um qualifiziertes Personal mit anderen Branchen – und nicht selten bieten Letztere die besseren Konditionen. Anwälte haben einen Vorteil: sie bilden aus und können daher den Nachwuchs frühzeitig binden. Mit dem „binden“ klappt es aber längst nicht mehr so recht. Kanzleien, die bei Konflikten frühzeitig intervenieren, können ein Ausbildungsverhältnis retten und profitieren enorm davon. Sofern die Anwaltschaft endlich wahrnimmt, wie sich mit den Ideen und dem Engagement junger Menschen die Kanzlei besser aufstellen lässt. Denn richtig erkannt wird deren Potenzial immer noch nicht.

 

1. Den Anwälten eine Lehre? Warum viele Azubis abbrechen

Anwälte klagen. Aber nicht nur für ihre Mandanten, sondern auch immer lauter über den an qualifizierten Rechtsanwaltsfachangestellten leergefegten Arbeitsmarkt. Allerdings hat der Gang zur Klagemauer eine Vorgeschichte, und die beginnt bei den bekanntermaßen seit Jahren rückläufigen Ausbildungszahlen in Kanzleien. Leichte Gleichung: Wo wenig ausgebildet wird, fehlen später die Fachkräfte. Und um die raren Schlauköpfe mit juristischem Wissen kämpfen später dann gleich viele andere Branchen, die häufig mit besseren Gehältern und Aufstiegschancen locken oder Talente recht forsch aus Büros abzuwerben versuchen. „Angetrieben vom Bewerbermangel in der Berufsgruppe der Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten grassiert diese Praktik tatsächlich schon einige Jahre„, sagt Marion Proft, Inhaberin von LEGAL PROFESSION® Recruitment-Coaching-Consulting in Berlin.

Aber kämpfen nur Anwälte mit dem Mangel-Drama? Nein, in vielen anderen Berufen sind ähnliche Entwicklungen zu beobachten, nicht zuletzt spitzte die Corona-Pandemie die Ausbildungssituation empfindlich zu. Viele Arbeitgeber gehen das Problem allerdings aktiv an. Eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) aus dem vergangenen Jahr zeigt, welche Kanäle, Optionen und kreative Ansätze zwischenzeitlich bei der Suche genutzt bzw. umgesetzt werden.

 

Quelle: DIHK-Ausbildungsumfrage 2019 | © DIHK 2020

 

Das zweite Problem lugt dann gleich um die Ecke: Wer Azubis für den Beruf gewonnen hat, will sie auch halten. Aber die Abbrecherquote ist hoch, viele Auszubildende streichen die (Rechts-)Segel, ein in vielen Fällen vermeidbares Ende. Die Gründe sind vielfältig, häufig aber wird die Ausbildung seitens der Anwälte nicht so chancenreich gesehen, wie sie ist. „Das ist zum einen mangelnde Kreativität, auch was zusätzliche Anreize angeht, wie beispielsweise die Monatskarte, ein Fitnessstudio-Abo, ein Zuschuss zur Altersvorsorge oder was auch immer“, sagt Oliver Schwartz, Rechtsanwalt und Leiter Legal Tech bei Soldan. „Zum anderen wird oft immer noch nicht erkannt: die Auszubildenden, die ich mir ins Büro hole, das sind Chancen, das ist Potential, die unterstützen mich auch dabei, neue Geschäftsmodelle aufzubauen, wenn ich sie denn einbinde und sie im zulässigen Rahmen eigenverantwortlich arbeiten. In vielen Unternehmen ist es die Regel, dass Praktikanten und Azubis mit am Tisch sitzen, wenn es beispielsweise um neue digitale Strategien geht, einfach weil sie mit den Medien und der Technik oft vertrauter sind. Aus Anwaltssicht, also schon rein unternehmerisch gedacht, drängt sich diese positive Haltung eigentlich auf. Das läuft aber in vielen Kanzleien de facto nicht so.“

 

Hinweis
Wie Anwälte und das Kanzleiteam clever nach Bewerbern suchen und gezielt vielversprechende  Kanäle nutzen, erfahren Sie in diesem Beitrag, im Fachwerk Personalmanagement für Anwaltskanzleien sowie im Ausbilder-Leitfaden – ReNoFa richtig ausbilden mit vielen praktischen Tipps. Beide Bände stecken in unseren Digitalbibliotheken ReNoSmart und Anwaltspraxis Wissen.

 

2. Zu Hilfe! Strategien und Austausch unter Ausbildern im Netz

Meist sind es ausbildungsbezogene Portale und ReNo-Foren, in denen sich Kanzleimitarbeiter austauschen. Die dort geschilderten Probleme spielen sich hauptsächlich auf der Ebene der Azubis ab. Dabei gibt es für Ausbilder ebenso hilfreiche Informations- und Diskussionsplattformen, hierzu zählen

 

Wertvolle Anlaufstellen bzw. Informationsangebote sind auch die

 

„Wichtig ist, wenn es einmal in der Ausbildung zwischen den Beteiligten hakt, nicht zu lange zu warten, sondern die Unstimmigkeiten bzw. die verschiedenen Erwartungen kurzfristig offen anzusprechen, um Lösungen zu finden“, so Ronja Tietje, Vorstandsvorsitzende im RENO Bundesverband. „Manchmal macht es auch Sinn, sich bei der Lösungsfindung Unterstützung von externer Seite zu holen, beispielsweise von Ausbildungsberatern der zuständigen Kammer. Ziel sollte sein, dass alle Beteiligten mit viel Freude und Verantwortung an das Projekt Ausbildung herangehen und im Gespräch bleiben, auch wenn es einmal hakt.“ (hier lesen: Interview mit Tietje, warum Rechtsfachwirte die Ausbildereignung erhalten sollten)

Längst halten viele Anwaltskammern in eigenen Ausbildungsberatungen Ansprechpartner für ausbildungsbezogene Fragen oder Probleme vor. Diese sind nicht zu verwechseln mit den ebenfalls bei den Kammern eingerichteten Schlichtungsstellen, die aktiv werden, wenn das Ausbildungsverhältnis schon gelöst werden soll. Die Berater unterstützen auch präventiv oder bei sich möglicherweise anbahnenden Schwierigkeiten.

 

Hinweis
Ausbildungsberater begleiten bei akuten Problemstellungen und beugen auch dem Ende der ReFa-Karriere vor, bevor sie richtig begonnen hat. Übrigens: Ausbildungsberater stehen auch den Auszubildenden bei allgemeinen Fragen zur Verfügung, beispielsweise wenn es um die Verkürzung der Lehrjahre oder die Weiterbildung geht (vgl. z.B. Berater-Richtlinien der RAK Frankfurt/Main, weitere Beispiele: RAK Hamburg; RAK Sachsen; RAK München).

Literatur und Linktipps für Auszubildende und Ausbilder, u.a. mit Anregungen und Empfehlungen in Sachen Konfliktbewältigung:

 

3. Die Fehler der Anderen .. und was sich daraus lernen lässt

Im Mai 2019 gaben rund 12.500 Unternehmen in einer DIHK-Umfrage Auskunft, woran sie in der Ausbildungsorganisation scheitern. Sich die Gründe anzuschauen, kann auch den Kanzleimitarbeitern helfen, mögliche Ausbildungsabbrüche zu verhindern und entsprechende Signale zu registrieren, die auf in das (Ausbildungs-)Getriebe rinnenden Sand hindeuten. Es ist ein Leichtes, die jungen Berufsstarter immer mal wieder konkret anzusprechen, wie sie sich in der Kanzlei fühlen, ob sie den Eindruck haben, dass sie ihr Wissen ausbauen können oder ob schulische Schwierigkeiten bestehen.

 

Quelle: DIHK | © Statista 2020

 

Einige Kanzleimitarbeiter fördern mit kleinen Ideen Dankbarkeit und die Identifikation mit dem Büro: das kann ganz simpel der regelmäßig frische Obstkorb in der Küche sein, die gemeinsamen zehn Minuten vor Büroschluss, in denen der Bürotag rekapituliert wird, oder auch einfach einmal ein paar runde Pizzen ins Büro zu ordern. Suchen Sie fortlaufend Anregungen für Sonderleistungen an Azubis? Wir haben hier (unter: „Der kleine Bonus von nebenan: Zusatzleistungen anstatt mehr Geld“) ein paar Anregungen zusammengestellt.

 

Hinweis
Es kommt vor allem auf einen geglückten Start, eine erfolgreiche Probezeit und darauf an, dass der Auszubildende sich in der Kanzlei wohlfühlt, einbezogen wird und merkt, dass er zuverlässig in den drei Jahren die notwendigen Fachkenntnisse vermittelt bekommt. Halten Sie engen Kontakt zu den Berufsschullehrern und lassen Sie sich Klausuren und Tests vorlegen. Stimmen Sie deren Nachbereitung mit den Kollegen im Büro ab. Vor allem wenn sich Schwierigkeiten in den Kernfächern Rechts- und Fachkunde abzeichnen, sollten Sie frühzeitig ansetzen, da sich Wissenslücken und Verständnisprobleme noch leicht beheben lassen. Diese Maßnahmen sind im ersten Lehrjahr besonders wichtig und unterstützen die vorausschauende Ausbildungsorganisation.

 

4. Lockdown der Ausbildung – Corona und die Folgen

Nicht zuletzt die Corona-Pandemie macht sich auf dem deutschen Ausbildungsmarkt bemerkbar, denn in den Monaten April bis einschließlich Juni gab es rund 36.000 neue Ausbildungsplätze, also etwa 20.000 Stellen weniger als im Vorjahreszeitraum. Das muss nicht zwingend zu Schwierigkeiten in den kommenden Ausbildungsjahren führen. Gleichzeitig sind Ausbilder jedoch gut beraten, auch ihre betriebliche Ausbildung ggf. videounterstützt anzubieten, indem online Fachliteratur der Kanzlei abgerufen werden kann. Klausuren und Materialien der Berufsschule können digitalisiert und in einem Ausbildungsbereich der Kanzlei-Cloud archiviert werden, so dass die gegenwärtigen als auch künftigen Azubis von daheim oder unterwegs zugreifen können. Wenn im Homeoffice gearbeitet wird, soll auch dort gelernt werden können. Ein kleiner Schritt, um die Ausbildung zukunftsfest zu machen. Kommen kluge weitere Schritte dazu, wird ein „Zukunfts-Fest“ daraus. Ein solches findet ohne qualifizierte Kräfte aber nicht statt.

 

Quelle: Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) | © Statista 2020

 

  Dieser Beitrag wird zur Verfügung gestellt von: ReNoSmart, die Online-Bibliothek für Kanzlei- und Notariatsmitarbeiter  
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