1. Home
  2. Beiträge
  3. Ausbildung
  4. Wie man seinen Azubi richtig fordert, mit Lerninhalten fördert, und das bei steigendem Spaßlevel

Wie man seinen Azubi richtig fordert, mit Lerninhalten fördert, und das bei steigendem Spaßlevel

Wie man seinen Azubi richtig fordert, mit Lerninhalten fördert, und das bei steigendem Spaßlevel

Nach dem Gewinn eines Azubis sollte während der Ausbildung immer wieder daran erinnert werden, wie vielfältig und abwechslungsreich der Job sein kann.

Hierfür ist es wichtig, bereits früh eigenverantwortliche Aufgaben übertragen zu bekommen; Aufgaben, die versehentliche Fehler verzeihen, aber ein gewisses Maß an Vertrauen sowie Verantwortungsbewusstsein erfordern.

Damit ist nicht gemeint, dass der Azubi nur die glanzvollen Aufgaben erledigen sollte. Natürlich sind die typischen „Azubi-Aufgaben“ auch Teil des Lehrplans. Allerdings sollte dieser nicht ausschließlich aus solchen Aufgaben bestehen! Denn zur effektiven und zur erfolgreichen Ausbildung gehört es, über theoretische (Schule) sowie praktische (Betrieb) Aufgaben Lerninhalte zu vermitteln. Der richtige Mittelweg ist hier also das Schlüsselwort.

Ich möchte an dieser Stelle ein paar Beispiele anfügen, wie ich es in meiner Kanzlei erfahren durfte:

So ziemlich das erste am Tag, womit sich ein Azubi beschäftigt, ist die Postbearbeitung. Hierbei wurde ich Stück für Stück immer mehr eingebunden. Ich habe also zuerst ein paar Mal zugeschaut, wie die Post sortiert wird, welche zu öffnen ist, wo etwas zu notieren und zu beachten ist, und natürlich wie man mit dem Termins- und Fristenkalender umgeht.

Als meine Ausbilderin dann die Post einfach auf meinen Arbeitsplatz gestellt hatte, und meinte, ich wäre schon so weit, es einfach mal zu versuchen, war ich ehrlich gesagt kurz überfordert. Für mich waren das unglaublich viele Briefe von unterschiedlichen Absendern mit vielfältigen Anliegen – und vor allem Fristen! Fristen, die ich auf keinen Fall übersehen durfte, auch nicht bei einem 30-seitigem Schreiben. Dementsprechend lange hat meine Postbearbeitung auch am Anfang gedauert. Anschließend war alles im Vier-Augen-Prinzip zu überprüfen und musste eventuell nachgearbeitet werden, was doppelten Zeitaufwand bedeutete.

Ich kann schon verstehen, dass manche Kanzleien sich die Arbeit nicht machen möchten, aber dadurch enthalten sie ihren Azubis so unglaublich viel vor.

Für mich persönlich ist das eine der lehrreichsten Erfahrungen in meiner Ausbildung.

Denn Postbearbeitung heißt nicht nur Briefe öffnen, den Abteilungen zuordnen, die passende Akte raussuchen, einscannen und dem Anwalt vorlegen. Postbearbeitung ist auch nicht nur die vorgenannte Routine, sondern kann viel mehr sein. Bevor die Post dem Anwalt vorgelegt wird, kann vieles schon vom Sekretariat aus in Eigenverantwortung und -regie vorbreitet werden.

Sachverhalte erklären, Zeit zum Nacharbeiten geben und dann selbstständig Lösungen erarbeiten zu lassen, ist nicht nur ein effektives Mittel zur Vermittlung von Wissen, sondern zeigt am Ergebnis, ob es auch verstanden wurde und angewendet werden konnte. Denn das reine Abnicken von vorgesagten Lösungen heißt noch lange nicht, dass der Azubi das beim nächsten Mal auch von alleine kann.

Meine Ausbilderin hat mir bereits am Anfang nicht nur Anweisungen gegeben, sondern den rechtlichen und tatsächlichen Hintergrund detailliert erklärt, und was das nun für unseren Mandanten und uns bedeutet. Ich habe anfangs noch versucht, alles eilig auf Post-Its mitzuschreiben, weil mir die Formulierungen ja nicht so geläufig waren. Nun verstehe ich aber vor allem die organisatorischen Arbeitsabläufe und deren Notwendigkeit viel besser, etwa, wenn wir einen Mahnbescheid bearbeiten.

Im Verlauf meiner Ausbildung hatte ich häufig die Möglichkeit, mich anhand des Posteingangs mit ganz unterschiedlichen Herausforderungen in einer Akte zu beschäftigen. Deshalb kann ich heute meiner Ausbilderin bereits bei der Postbesprechung vorschlagen, was ich denke, was die nächsten Schritte wären, bevor ich die Kommunikation mit Mandanten und dem Gericht eigenständig vorbereite. Denn schon an dieser Stelle kann man viel vorbereiten, um den Anwalt zu entlasten.

Natürlich bedeutet das nicht, dass meine Ausbilderin sich jetzt nicht mehr um meine Entwürfe kümmern muss, denn alles muss Korrektur gelesen werden, bevor es zum Anwalt geht. Und klar ist es manchmal ernüchternd, wenn das für einen so sinnvoll erscheinende Konstrukt doch nicht aufgeht und man nur eine Flut aus (nur mit viel Fantasie zu entzifferbaren) roten Korrekturen erntet.

Aber genau das ist Ausbildung!

Es kostet enorm viel Zeit und Nerven, aber nur so kann ein Lerneffekt eintreten. Ich bekomme nun auch viele Unterschriftenmappen mit einem Lob zurück und zwar nicht nur von meiner Ausbilderin, sondern auch von den Anwälten. Und wenn diese dann einen Schriftsatz von mir einfach unterzeichnen, weil sie ihn für gut befinden, ist das für mich jedes Mal eine „innere Kirmes“. Das verleiht einem Spaß an der Arbeit und spornt an. Man sieht sich selbst Fortschritte machen und selbstständiger werden.

Fazit: Die investierten Zeit und Mühen und das entgegengebrachte Vertrauen, den Azubi nicht nur hinter dem Kopierer „versauern“ zu lassen, zahlen sich somit schnell für beide Seiten aus.

Dieser Beitrag wird zur Verfügung gestellt von: ReNoSmart, die Online-Bibliothek für Kanzlei- und Notariatsmitarbeiter

Theoretisch kann ich praktisch alles!
Der Newsletter für alle Super-ReNos!
Fordere jetzt den kostenlosen E-Mail-Newsletter „Theoretisch kann ich praktisch alles!“ an und wir schenken dir das eBook „Das 1x1 des RVG“ – weil wir Dich super finden! ?
Wenn Du nicht mehr weiter weißt: Der ReNo-Newsletter hilft! Jetzt kostenlos anfordern und eBook im Wert von 29,00 € GRATIS erhalten: