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„Wer für ein höheres Gehalt wechselt, der wird es auch wieder tun“

„Wer für ein höheres Gehalt wechselt, der wird es auch wieder tun“
© Razvan Chisu / Unsplash

Viele erinnern sich vielleicht an den Impulsvortrag „Kanzlei künftig ohne Fachkräfte?“ auf dem Anwaltstag 2019. Quo-vadis-Diskussion inklusive. Aber wie agieren die Akteure auf dem Stellenmarkt bei der Jagd nach klugen Köpfen für Kanzleien und Unternehmen? Der Fachkräftemangel hinterlässt deutliche Spuren: Die Umgangsformen sind rauer geworden. Häufig wird auch versucht, Mitarbeiter, die gar keine Stelle suchen, direkt über soziale Netzwerke zu kontaktieren und abzuwerben. Ein Anruf in Berlin bei Marion Proft, die sich mit dem Thema auskennt.

 

Marion Proft ist Inhaberin von LEGAL PROFESSION® Recruitment-Coaching-Consulting in Berlin. Proft rekrutiert Fachpersonal für Kanzleien und Notariate. Sie ist seit 15 Jahren im Geschäft und ist bundesweit aktiv, mit den regionalen Schwerpunkten Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt/Main und Köln.

 

Haben Headhunter zunehmend das qualifizierte Kanzleipersonal im Blick?

Vielleicht zunächst eine Unterscheidung: Ich selbst arbeite als Recruiterin, das heißt: ich rekrutiere indem ich Stellenanzeigen schalte und Bewerber bei der Jobsuche im Kanzleimarkt unterstütze. Daneben gibt es Headhunter, die auf Wunsch eines Kunden, gezielt einen „Kopf“ anfragen, um ihn für eine bestimmte Position zu gewinnen. Meist handelt es sich dabei um Führungspositionen. Mit der Entwicklung der sozialen Netzwerke haben sich nun auch im Rechtsmarkt Personalagenturen mit Active-Sourcing-Methoden etabliert. Sie suchen mit Hilfe von Suchmaschinen und Algorithmen in Netzwerken und Plattformen nach potenziellen Kandidaten, um mit ihnen aktiv in Kontakt zu treten.

Wer soziale Medien durchpflügt und direkt mit potentiellen Kandidaten Kontakt aufnimmt, ist also kein klassischer Headhunter und im Zweifel auch kein qualifizierter Personalberater. Diese Begriffe sind keine Berufsbezeichnungen und werden leider oft vermischt.

Geschieht diese Form der aktiven Ansprache derzeit intensiv?

Angetrieben vom Bewerbermangel in der Berufsgruppe der Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten grassiert diese Praktik tatsächlich schon einige Jahre. Eine Rechtsfachwirtin und vor allem eine qualifizierte Notarfachangestellte kann damit rechnen, dass sie monatlich, teilweise sogar wöchentlich angeschrieben wird. Insbesondere Nutzer des beruflichen Netzwerkes Xing berichten davon. 

Wer sucht denn da eigentlich?

Das sind oft Personalagenturen, die von zahlungskräftigen Wirtschaftskanzleien beauftragt oder auch ohne direktes Mandat nach Kandidaten Ausschau halten. Dass die Branche flächendeckend sucht, ist seit vielen Jahren offensichtlich und lockt auch Akteure an, die hier einen lukrativen Markt wittern. Ziel ist die Vermittlungsprovision oder auch „Kopfgeldprämie“. Somit wird die Wechselmotivation auch fast ausschließlich monetär erzeugt. Daneben wird mit einem „tollen Team und flachen Hierarchien“ geworben. Spätestens an dieser Stelle merkt die ReNo, dass der „Headhunter“ die Branche und ihren Beruf mit seinen ganzen Facetten nicht kennt. Die Kanzleien nehmen bei einem fast leeren Bewerbermarkt natürlich gern die Unterstützung von Personalagenturen in Anspruch. Manche versuchen aber auch auf diesem Weg unbeliebte Positionen, die am Markt schon längst verbrannt sind, zu besetzen.

Wie läuft die aktive Ansprache  genau ab?

Der Erstkontakt erfolgt meist über Xing. Wenn man jemanden dort nicht findet, wird auch schon mal in der Kanzlei angerufen. Man erbittet die private Telefonnummer und versucht, die oder den Kandidaten in einem persönlichen Gespräch für einen Job zu interessieren. Das passiert mitunter ziemlich aggressiv. Manchmal geht es sogar so weit, dass man aufgefordert wird, wenigstens einen Mitarbeiter oder die Freundin zu benennen, wenn man selbst kein Interesse an dem Job hat. Natürlich gibt es im Erfolgsfall auch dafür eine Geldprämie. 

Was bedeutet das für den Stellenmarkt und damit auch für Kanzleien?

Hier sind viele Stellen verbrannt worden, Kanzleimitarbeiter sind zunehmend genervt von solchen Praktiken und sagen mir: ich bin jetzt zwei, drei Male so dreist angegangen worden, ich werde mein Xing-Profil löschen. Leider gibt es auch einige, die eines dieser lukrativen Stellenangebote angenommen haben und dann von den Versprechungen bitter enttäuscht wurden. Sie haben weder „flache Hierarchien“, noch „ein tolles Team“ und auch keine „spannenden Aufgaben und abwechslungsreichen Tätigkeiten“ vorgefunden. Zu spät stellen sie dann fest, dass das lukrative Gehalt darüber nicht hinwegtrösten kann.

Woran erkennen Kanzleimitarbeiter ein gutes Jobangebot und einen seriösen Personalvermittler?

Ein gutes Angebot definiert sich nicht ausschließlich über das Gehalt, weder ein Jobticket noch ein Obstkorb motivieren einen Kandidaten zum Wechsel. Ein wirklich gutes Angebot beinhaltet die Chance, sich beruflich und persönlich weiterzuentwickeln. Ein größerer Verantwortungsbereich, zusätzliche Aufgaben oder auch Personalführung zählen dazu. Manchmal ist auch das Renommee oder die Internationalität der Kanzlei reizvoll.

Ein seriöser Headhunter setzt sich vor der Ansprache mit der Zielperson auseinander. Wie lange ist die Person in der aktuellen Position beschäftigt? Befindet sie sich gerade in einer Weiterbildung und wagt den nächsten Karriereschritt? Sind Berufserfahrung und Sprachkenntnisse ausreichend vorhanden? Aber auch die Frage nach dem Konkurrenzverhalten zwischen altem und neuem Arbeitgeber ist im Rechtsbereich zu beachten.

Und wenn eine Stelle wirklich interessant klingt?

Dann sollte die angesprochene Person dem Headhunter möglichst viele Informationen über den Arbeitgeber, die Stelle, die Kollegen und die Konditionen entlocken. Ein professioneller Personalberater bietet seinem Kandidaten eine umfassende Begleitung im Auswahlprozess und eine exzellente Vorbereitung auf das anstehende Vorstellungsgespräch. Zunächst sollte sich die ReNo aber selbst fragen, was ihr an ihrem jetzigen Job gefällt und was sie von ihrem neuen Job erwartet. Das was man hat, wird oft als selbstverständlich angesehen. Das ist es aber nicht. Bei einem Wechsel gewinnt man nicht nur, man gibt auch etwas auf. Wenn der aktuelle Job so furchtbar wäre, hätte man sich doch längst selbst wegbeworben.

Das heißt aber nicht, sich gänzlich von Personalberatern abzuwenden?

Nein, natürlich nicht. Eine professionelle Unterstützung im Recruiting ist für beide Seiten sehr hilfreich. Für den Bewerber ist es nützlich, wenn er zusätzliche Informationen zum Arbeitgeber, zu der Stelle, zu den Aufgaben und zum Bewerbungsprozess erhält und einen externen Berater und Coach an seiner Seite hat. Manchmal gibt es keinen anderen Weg, als einen Kandidaten auch aktiv anzusprechen. Aber dann müssen auch die Informationen und die Beratung folgen.

Und der Anwalt als Arbeitgeber..

..profitiert von der Marktkenntnis eines Personalberaters, der die Berufsgruppe und die Branche gut kennt. Man darf nicht vergessen, dass der juristische Bereich viele Besonderheiten hat. Mit professioneller Unterstützung kann man eine Stelle passgenauer und vor allem nachhaltiger besetzen. Bei der Entscheidung für den richtigen Weg im Recruiting sollte man außerdem nicht vergessen: wer einmal nur für ein höheres Gehalt seinen Job gewechselt hat, der wird es wieder tun.

 

Hinweis
Informative und praktische Handreichungen sowie Empfehlungen zum Personalmanagement in Kanzleien finden Sie in dem Band Personalmanagement für Anwaltskanzleien, der in der ReNoSmart-Bibliothek steckt. Dargestellt werden u.a. die Themenbereiche Personalbedarfsplanung, Rekrutierung und Personalbindung und Mitarbeiterkommunikation. Der Fachkräftemangel ist nicht nur in den Kanzleien spürbar, er zeigt sich auch in anderen Berufsbildern und lässt Büros und Unternehmen die Mitarbeiterbindung intensivieren. Was sich Arbeitgeber dabei einfallen lassen, zeigt eine jüngere Umfrage unter rund 850 Personalverantwortlichen und Geschäftsführern.

Grafik: Statista 2020
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