1. Home
  2. Beiträge
  3. Ausbildung
  4. „Streich‘ das weg, schreib‘ dies hin“: ReNos als Textdompteure

„Streich‘ das weg, schreib‘ dies hin“: ReNos als Textdompteure

„Streich‘ das weg, schreib‘ dies hin“: ReNos als Textdompteure

Greift der Anwalt zum Diktiergerät, bekommen Mandanten die Wirkmacht der hochgerüsteten Juristensprache zu spüren – und sind häufig beeindruckt. Aber nicht immer. Die Gruppe der ehrfürchtigen Schar, die staunend auf ungelenke Schachtelsätze blickt, wird kleiner – und greift bei Bedarf zum Telefon oder zur Tastatur. ReNos verwandeln sich dann flink in Dekodiermaschinen, erklären Begriffe und zeigen Zusammenhänge. Wie können Mandanten angesprochen werden, ohne dass diese das Wörterbuch zücken müssen? Ein Blick auf die Rechtssprache, was sich in der Kommunikation mit Mandanten vereinfachen lässt und warum Beobachtung alles ist.

 

1. Die Juristensprache: Sätze mit Verständnis-Firewall

Die digitale Welt hat Internetnutzer einer kleinen „Konformitätskur“ unterzogen. Webseiten gleichen sich, Ansprache und Schreibstil oft auch und vor allem: Inhalte und Botschaften sollen möglichst sofort verstanden werden. Denn wer alles sofort begreift, landet gar nicht erst im Kundencenter, getreu dem Motto: der beste Kunde ist der, den man gar nicht erst sieht. Der Gewöhnungseffekt: Texte sind einfach stets verständlich und schlüssig. Zudem bringt das digitale Zeitalter stetig mehr Textmengen mit sich, die jeder täglich bewältigen muss. Da fällt jeder unverständliche Text umso mehr ins Gewicht und bedeutet Zeitverlust. Im Anwaltsalltag gibt es (meist) keine Callcenter oder Sprachcomputer („Haben Sie den Rechtsstreit verloren und trotzdem noch Fragen: sagen Sie bitte ‚2‘ „), dafür aber eine traditionsreiche Kultur behäbiger Satzmonster und weiten Schachtelsatz-Universen. Sprachlich kulminiert das oft in mehrzeiligen Bandwurmsätzen, garniert nicht nur mit juristischem Fachwortschatz, sondern auch Begriffen, die im Duden den launigen Hinweis „veraltet“ verpasst bekommen. Bisweilen würzen dann noch lateinische Redewendungen die anwaltliche Buchstabensuppe.

 

2. Wie man es gelernt hat, so spricht man..

Außergewöhnlich ist das nicht: Juristen müssen präzise vortragen, Beweise substantiiert darlegen und juristisch argumentieren. Sie lernen im Jurastudium nicht, für ein Publikum zu schreiben, sondern Sachverhalte rechtlich durchzudeklinieren. Stichwort Gutachtenstil. Und der sitzt nun einmal fest im Kopf, wie auch treffend beschrieben in dem anwaltlichen Videoblog „Herr Anwalt“. „Fach- und Fremdwörter zu vermeiden ist in diesem Bereich nicht einfach – für Juristen gibt es hier Grenzen, da die Sprache ein Werkzeug des Rechts ist und mit historisch gewachsenen Begrifflichkeiten gearbeitet wird“, sagt Elke Müller, beeidigte Dipl.-Übersetzerin und Juristin in Leipzig. „Man sollte häufiger aktiv formulieren, also ‚Bitte unterzeichnen Sie das Formular‘ anstatt ‚Das Formular ist durch den Käufer zu unterzeichnen‘. Es kann hilfreich sein, Fremdwörter wie ‚Abstraktionsprinzip‘ oder komplexe Fachbegriffe wie ‚Verkehrssicherungspflicht‘ zu erläutern bzw. zu umschreiben. Auch bei Attributhäufungen sollte man kritisch sein (‚die im Wege des Urkundenbeweises in die Hauptverhandlung eingeführte Bürgschaftserklärung‘). Kanzleimitarbeiter können in Word die Lesbarkeitsstatistik aktivieren (Word 2010: Datei => Optionen => Dokumentenprüfung => Lesbarkeitsstatistik; wird nach der Rechtschreibprüfung angezeigt) oder den Flesch-Lesbarkeitstest nutzen“, so Müller.

 

3. Geschrieben, gelesen, verstanden: Eigentlich geht es auch anders

Die Juristensprache gehört sicherlich in Schriftsätze, in Anschreiben an Mandanten kann sie an entscheidenden Stellen aber ausbleiben. Wer sofort versteht, was der Anwalt in seiner Angelegenheit ausdrücken will, wird sich gar nicht erst in der Kanzlei melden, sondern ist auch grundsätzlich zufriedener. Hatten wir oben schon, Zeit sparen und so.. Kanzleimitarbeiter können sich überlegen, wie Sie die Anschreiben an Mandanten vereinfachen, natürlich ohne sinnentstellend in die Texte einzugreifen. Dies sollte ohnehin mit den Anwälten im Büro abgestimmt werden, damit feststeht, ob und in welchen Bereichen eine „Sprachreform“ überhaupt stattfinden soll. Eine kleine Leitlinie:

✅ Welche Anschreiben eignen sich für Vereinfachungen?
✅ Kanzleimitarbeiter legen Textbausteine mit wiederkehrenden Satzeinleitungen an und
✅ listen Fremdwörter auf, die ersetzbar sind oder von denen sie wissen, dass Mandanten
diese oft gar nicht oder missverstehen.
✅ Themenbereiche, zu denen Mandanten immer wieder Fragen stellen (z.B. Prozesskostenhilfe, Ablauf der Zwangsvollstreckung, Wartezeit bis Gericht terminiert) können in kurzen Info-Blättern – ggf. mit Grafiken ergänzt – erstellt und ausgelegt oder bei Bedarf Schreiben und E-Mails beigefügt werden. Zu den Grafiken folgen später noch ein paar Gedankenblitze.

 

4. Streichen, kürzen, zusammenfassen: ReNos räumen die Texte auf

Hier nun fünf Anregungen, die Ihnen als Grundlage helfen können, einfache Texte zu schreiben und eigene Ideen zu entwickeln.

a) Nominalstil vermeiden
„Bei Zugrundelegung des auf Seite 4 geschilderten Sachverhalts und unterstellt, die Behauptung des Zeugen J., die bereits Argwohn in ihrer Schilderung weckt, der Hergang der Wegnahme und die Zurverfügungstellung des ..“ …so, den Satz bilden wir gar nicht erst zu Ende, der ist schon in der Mitte kaum noch zu verstehen. Wenn möglich, sollte mit Verben (Verbalstil) gearbeitet, sollten längere Sätze geteilt werden.

b) Auf ausufernde Satzlängen achten

Machen Sie sich das Vergnügen: rufen Sie am Bildschirm ein paar Anschreiben an Mandanten in verschiedenen Akten auf. In Word wird die Wörter- und Zeichenanzahl eines jeden Satzes angezeigt (Satz markieren, dann in Menüleiste „Überprüfen“ => „Wörter zählen“ klicken). Die Wortzahl wird auch unten in der Statusleiste angezeigt, einfach daraufklicken. Dann konzentriert schauen, welche Längen Ihre Sätze erreichen und wann es nicht doch ein wenig kürzer gelingt.

 

c) Satzmonster mit Aufzählungen zähmen

Mitunter hilft bereits, einen langen Text mit einer Aufzählung flüssiger darzustellen.

Beispiel:
„Das Vertragsverhältnis endet in Ihrem Fall laut den Versicherungsbedingungen mit Ihrer fristgerechten Kündigung, wenn Sie mit der Prämie drei Monate in Rückstand geraten oder die Versicherung fristgemäß die Kündigung erklärt.“

Lösung:
„Das Vertragsverhältnis endet in Ihrem Fall laut den Versicherungsbedingungen
– mit Ihrer fristgerechten Kündigung,
– wenn Sie mit der Prämie drei Monate in Rückstand geraten oder
– die Versicherung fristgemäß die Kündigung erklärt.“

 

Lange Sätze auf diese Art zu entzerren, gelingt übrigens häufiger als Sie denken. Schulen Sie Ihr Auge, „aufzählbare“ Sachverhalte zu erkennen und derart zu gliedern, dass sie flüssig zu lesen sind. Ferner können vermeintlich klassische Sätze wie „Wir bitten um Rücksprache“ oder „Wir sehen Ihrer Stellungnahme entgegen“ vereinfacht werden („Bitte rufen Sie Frau Rechtsanwältin .. an“; „Bitte informieren Sie Herrn Rechtsanwalt .. dazu noch einmal genauer und rufen Sie uns an.“). Das sind nun vielleicht nicht die unverständlichsten Formulierungen, aber als Einstieg eignet sich, auch solche kurzen Sätze vielleicht frischer zu gestalten.

d) Einfache Begriffe verwenden, veraltete Formen vermeiden 

Nachstehend sind ein paar Beispiele dargestellt, die nicht als Muster, Ihnen aber als gedanklicher Anstoß dienen können, wie man mit ausgetauschten Begriffen oder Umschreibungen klarer auf den Punkt kommen kann. Legen Sie sich einfach selbst eine Tabelle an, die Sie den ganzen Tag minimiert auf dem Bildschirm haben. Entdecken Sie Formulierungen, zu denen Ihnen ein verständlicherer Ausdruck einfällt, können Sie Ihre Tabelle füttern, diese mit Anwälten und Kollegen besprechen und vielleicht auch für neue Textbausteine heranziehen.

 

Kanzleien und ihre Mandantenstämme sind individuell, beobachten Sie daher auch im Alltag, an welchen Formulierungen und Satzkonstrukten Ihre Mandanten scheitern und merken Sie sich diese für Ihre „Sprachreform“.

 

Hinweis
Nicht missverstehen: Die Kunst ist nicht, aus den Schreiben an Mandanten ein Kürzel-Feuerwerk zu machen. Ein solches zu lesen ermüdet nämlich ebenso schnell wie die Bandwurm-Variante, denn der Leser sprintet dann geradezu nervös durch den Text, ein kurzer Satz jagt den nächsten. Manchmal erreicht man sein Ziel schon, wenn ein Satz nur um zwei oder drei Worte schlanker wird. Buchstaben-Diät à la ReNo eben.

e) Grafiken und Rechtsvisualisierung

Keine Angst, Sie müssen sich jetzt nicht Kategorien anlegen, in denen Sie jeweils Grafiken stecken, die bei Bedarf den Schreiben beigefügt werden. Aber was spricht dagegen, wenn Sie beispielsweise schon im Kanzleimarketing stärker mit Grafiken arbeiten? Oft reichen schon übersichtlich angeordnete Kästen, Balkendiagramme, mit Pfeilen illustrierte Abfolgen oder andere Darstellungen, die Sie mit den klassischen Office-Programmen schnell auf den Bildschirm zaubern. Mit mächtigen Werkzeugen wie der kostenlosen Bildbearbeitungssoftware GIMP können Sie Bilder auf vielfältigste Weise bearbeiten und für Mandanten ansprechend erstellen. Entdecken Sie ansprechende Grafiken zu rechtlichen Thematiken auch auf der Website der Juristin Nicola Pridik, Inhaberin des Büros für klare Rechtskommunikation in Berlin.

 

5. Die Sache mit der Leichten und Einfachen Sprache

„Ich bin eine ReNo. ReNo ist eine Abkürzung für Rechtsanwalts-Fachangestellte. ReNos helfen Anwälten. ReNos sind klug.“ Kommt Ihnen bekannt vor? In den vergangenen Jahren ist das Geschwisterpaar der Einfachen und Leichten Sprache populär geworden. Das ist gut so: Denn Menschen mit Leseschwierigkeiten können eine Lektüre besser verstehen, wenn Sie lesefreundlich und übersichtlich daherkommt. Dabei werden Leichte und Einfache Sprache oft verwechselt bzw. für dasselbe gehalten. Die Einfache Sprache kommt mit kürzeren Sätzen, möglichst wenig Fremdwörtern oder Sprachbildern daher. Die Leichte Sprache, für die auch ein vom Netzwerk Leichte Sprache konzipiertes Regelwerk gilt, vereinfacht einen Text noch stärker. Wenn Sie sich genauer für die einzelne Unterscheidung interessieren, finden Sie in diesem Artikel von Inga Schiffler, Dolmetscherin und Expertin für barrierearme Sprache, informative Hintergründe. Leichte Sprache eignet sich vor allem, um grundsätzliche Informationen (z. B. den Instanzenzug), die Sie vielleicht im Wartebereich auslegen, allgemein verständlich zu präsentieren. Solche Texte können auch auf der Kanzlei-Website eingestellt werden.

 

Hinweis
Hier können Sie sich einen Ratgeber zur Leichten Sprache des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales herunterladen. Aufgreifen können Sie auch die rechtlichen Informationen in der Broschüre zur sozialen Sicherung. Und vielleicht auch einmal bei der ARD nachlesen, wie diese in Sachen Verständnis mit ihren Nachrichten umgeht. Hier lassen sich ebenso ein paar Anregungen gewinnen, wie in der Rubrik „Rechtsvisualisierung“ in Jusletter IT.

Jetzt 82,7% sparen im Vergleich zur Anschaffung von Print-Literatur:
mit ReNoSmart greifen Sie auf rund 100 Bücher und Fachzeitschriften speziell für ReNos günstig zu – die digitale Bibliothek hat also auch immer die aktuellste Auflage der Fachbücher und neueste Ausgabe der Fachzeitschriften in petto, so dass Sie  immer top informiert sind. Aktueller & günstiger geht Fachliteratur nicht, meint der ReNo-Fuchs!
Theoretisch kann ich praktisch alles!
Der Newsletter für alle Super-ReNos!
Fordere jetzt den kostenlosen E-Mail-Newsletter „Theoretisch kann ich praktisch alles!“ an und wir schenken dir das eBook „Das 1x1 des RVG“ – weil wir Dich super finden! ?
Wenn Du nicht mehr weiter weißt: Der ReNo-Newsletter hilft! Jetzt kostenlos anfordern und eBook im Wert von 29,00 € GRATIS erhalten: