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Richtig, ich war ja „besonders“ .. Was im Ausbildungszeugnis stehen sollte

Richtig, ich war ja „besonders“ .. Was im Ausbildungszeugnis stehen sollte
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Derzeit absolvieren wieder viele ReFa-Azubis ihre Abschlussprüfung. Und fragen sich: was muss der Anwalt eigentlich in mein Ausbildungszeugnis schreiben?

Wie viele Briefumschläge haben Sie während Ihrer Ausbildung geöffnet, in denen Zwischen- oder Arbeitszeugnisse für Mandanten steckten? Obwohl im Büro wiederholt damit konfrontiert, sind viele Auszubildende unsicher, wann ihnen welches Zeugnis zusteht und wie es verfasst sein muss.

Was sollten Auszubildende dazu wissen? Vor allem, dass sich auch spezielle juristische Kenntnisse und Qualifikationen im Zeugnis spiegeln, die in den drei Jahren erworben wurden. Hier hat der Ausbildungsnachweis seinen großen Auftritt. 

 

1. Morgens noch ReFa-Azubi, mittags ausgebildete Fachkraft

Das Ausbildungszeugnis ist Ihnen auszuhändigen, sobald das Ausbildungsverhältnis beendet ist (§ 16 Abs. 1 Berufsbildungsgesetz – BBiG). Das ist genauer gesagt der Tag, an dem Ihnen Ihre Prüfungsergebnisse vollständig bekanntgegeben wurden und die Ausbildung abgeschlossen ist.

2. Was muss drinstehen?

Soweit Sie während der „Halbzeit“ der Ausbildung ein Zeugnis bekommen haben, war dies das sogenannte Zwischenzeugnis. Sollte dann auch so als Überschrift auf dem Zeugnis gestanden haben. Zum Ende Ihrer Ausbildung erhalten Sie ein Ausbildungszeugnis. Dessen Form und Inhalt sind gesetzlich klar geregelt (§ 16 Abs. 2 BBiG): Es muss

Es genügt beispielsweise nicht, wenn vor einer unleserlichen Unterschrift das Kürzel „i.A.“ steht, ohne dass erkennbar wird, wer das Ausbildungszeugnis in welcher Funktion unterzeichnet hat (LAG Schleswig-Holstein, Beschl. v. 19.09.2013, Az. 1 Ta 148/13).

Hinweis
Es handelt sich um eine Pflicht des Ausbilders, die dieser unaufgefordert erfüllen muss. Das heißt, der Auszubildende muss das Zeugnis nicht ausdrücklich verlangen oder auf das baldige Ende der Ausbildung hinweisen.

3. Zeugnis²: welches darf es denn sein?

Auch wenn es in § 16 Abs. 2 BBiG nicht konkret so formuliert ist: grundsätzlich gibt es zwei Zeugnisarten. Das kurze, einfache Ausbildungszeugnis (zu dessen Ausstellung Ihr Ausbilder automatisch verpflichtet ist) sowie das qualifizierte Zeugnis. Letzteres enthält zusätzlich die sehr wichtige Verhaltens- und Leistungsbeurteilung, ist also umfassender, denn hier geht es auch um Merkmale wie Fleiß, Pünktlichkeit, Einsatzbereitschaft oder Sorgfalt. Diese Zeugnisvariante müssen (und sollten) Auszubildende allerdings auch aktiv verlangen. Ausbilder haben die sog. Formulierungsmacht und fertigen häufig direkt ein qualifiziertes Zeugnis. Wenn Sie Ihr Zeugnis bekommen, prüfen Sie es ohnehin inhaltlich. Und darin sollte dann auch eine korrekte  Verhaltens- und Leistungsbeurteilung stehen. Oder noch besser: Teilen Sie dem Ausbilder frühzeitig – ggf. schon drei Monate vor Ausbildungsende – mit, dass sie ein qualifiziertes Zeugnis wünschen. Idealerweise sollte das Zeugnis bereits vor Ausbildungsende angefertigt sein bzw. der oder die Auszubildende einen Entwurf zur Ansicht erhalten haben.

4. Ach ja, ich war ja „besonders“. Wir stellen vor: Maria, die Arbeitsrechtsexpertin

Fertigkeiten, Kenntnisse, Fähigkeiten – so steht es im BBiG. Dazu gehört alles, was Sie sich berufsbezogen in den vergangenen drei Jahren fleißig ins Köpfchen geschaufelt haben. So z.B. der routinierte Umgang mit der Büro-EDV bzw. der Kanzleisoftware und dem beA, die Aktenbearbeitung, korrekt mit Fristen jonglieren, die klassische Anwaltskorrespondenz und Vergütungsabrechnung nach dem RVG. Was aber ebenso ins Zeugnis gehört: Fachspezifisches Wissen und Kenntnisse, die über die Ausbildung hinausgehen. Ob das bei Ihnen der Fall ist, hängt natürlich wesentlich davon ab, auf welchen speziellen Rechtsgebieten Ihre Kanzlei unterwegs ist oder ob Sie häufig mit komplexen Fallgestaltungen besonderer Art konfrontiert waren, die nicht obligatorisch zur Ausbildung gehören. Wir stellen Ihnen eine solche Auszubildende vor und nennen sie einfach einmal Maria B. Steckbrief: drei Jahre in einer Kanzlei mit fünf Fachanwälten für Arbeitsrecht.

Allein in den ersten vier Monaten hat B. mehr Sozialpläne, Arbeitszeugnisse und arbeitsgerichtliche Urteile auf dem Tisch liegen sehen, als viele ihrer Mitstreiter aus der Berufsschule während der gesamten Lehrzeit. Später protokollierte sie Besprechungen mit Betriebsräten, war als Assistenz bei Arbeitnehmerschulungen dabei – und beherrscht nun nach drei Jahren das Arbeitsgerichtsgesetz so gut wie die ZPO.

Hinweis
B. hat im Arbeitsrecht ein überdurchschnittliches Qualifikationsniveau erreicht, das sich auch in ihrem Ausbildungszeugnis widerspiegeln sollte. Sinnvoll ist es, wenn gerade solche besonderen Aufgaben und Tätigkeiten stets im Berichtsheft/Ausbildungsnachweis eingetragen wurden, das/der dann später als Grundlage für den Zeugnistext herangezogen werden kann.

Formulierungsbeispiel:
„Angesichts des arbeitsrechtlichen Schwerpunktes unserer Kanzlei erwarb Frau B. weit über das durchschnittliche Maß hinausgehende arbeitsrechtliche Kenntnisse und war über ihre gesamte Ausbildungszeit in die Fertigung einer hohen Zahl von Klageschriften, Klagebegründungen sowie  Besprechungen mit Mandanten eingebunden. Sie protokollierte Unterredungen bzw. bei Sitzungen mit Betriebsräten und gegnerischen Parteien, unterstützte nach intensiver Einarbeitung die Vorbereitung von Workshops, Schulungs- und/oder Informationsveranstaltungen für Arbeitnehmer und recherchierte obergerichtliche Rechtsprechung zu verschiedensten arbeitsrechtlichen Schwerpunkten und Fallgestaltungen. Ferner oblag ihr die Erstellung von Tabellenwerken mit Mitarbeiter- und Unternehmensdaten.“

Sollte B. nach ihrer Ausbildung weiterhin bei Arbeitsrechtsanwälten tätig sein wollen, wird sie mit einem detailliert formulierten Zeugnis eine gute Ausgangsposition unter den Bewerbern haben.

5. Immer die Form wahren

Ein Ausbildungszeugnis ist äußerlich ordnungsgemäß zu erstellen, es muss objektiv richtig sein und einer verkehrsüblichen Bewertung entsprechen. Seine äußere Form darf nicht den Eindruck erwecken, der Aussteller distanziere sich vom buchstäblichen Wortlaut seiner inhaltlichen Erklärungen (LAG Hessen, Beschl. v. 19.07.2017, Az. 8 Ta 133/17; u.a. natürlich auch: Briefkopf, Maschinenschrift mit lesbarem Schriftgrad, keine Flecken, Durchstreichungen oder Radierungen). Und dass Maria B. alle Tätigkeiten „guut erfülte“ muss sie nicht hinnehmen, denn angesichts obligatorischer Rechtschreibkontrolle am PC können Azubis auch ein Zeugnis ohne Schreibfehler verlangen. Viele Einzelheiten dazu, wie ein Zeugnis korrekt auszusehen hat, können Sie auch in unserem Fachbuch Arbeitsplatz ReFa: Der Allrounder nachlesen, das in der ReNoSmart-Bibliothek steckt.

Dieser Beitrag wird zur Verfügung gestellt von: ReNoSmart, die Online-Bibliothek für Kanzlei- und Notariatsmitarbeiter

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