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„Ausbildung nicht delegieren, sondern verantwortungsvoll übertragen“

„Ausbildung nicht delegieren, sondern verantwortungsvoll übertragen“
© Lina Trochez / Unsplash

In vielen Kanzleien sind qualifizierte Rechtsanwaltsfachangestellte und Kanzleimitarbeiter die tragenden Säulen der Ausbildung. Auch wenn eine gängige Praxis: gesetzlich geregelt ist das so nicht. Die sogenannte Ausbilder-Eignungsverordnung (AEVO), nach der Berufstätige unter bestimmten Voraussetzungen die Ausbildereignung erwerben können, gilt nicht für die freien Berufe. Für die Rechtsberufe ist die ReNoPatAusb-FachEigV einschlägig. Und die bestimmt: nur Anwälte, Notare und Patentanwälte haben die fachliche Eignung, Azubis auszubilden. Spricht man mit dem RENO Bundesverband, sollten dies künftig auch Rechtsfachwirte dürfen, da dies „letztendlich die Realität in den Kanzleien abbildet“, sagt Ronja Tietje, Vorstandsvorsitzende des Verbands, im Interview.

 

Rechtsfachwirte und Rechtsanwaltsfachangestellte sind das schlaue Rückgrat der Kanzleien, wenn neue Auszubildende in der Kanzlei beginnen. Sie führen die jungen Menschen in die beruflichen Anforderungen ein, besprechen Klausuren und begleiten die Lernprozesse der komplexen Ausbildungsmaterie. Das ist nicht neu und in vielen Kanzleien die typische Ausbildungsorganisation. Eine gesetzliche Ausbildereignung hat eine qualifizierte Kanzleikraft dennoch nicht, auch wenn sie vielleicht schon viele Jahre Azubis betreut und gefühlt mehr Klausuren als Vollstreckungstitel gesehen hat. Aber warum ist die Ausbildereignung so wichtig, wenn es doch so lange auch ohne sie ging? „Weil es ein paar wesentliche Verbesserungen gäbe“, so Ronja Tietje im Gespräch über die Ausbildung in den Kanzleien und die mühsamen Wege, um den status quo zu ändern.

 

In den meisten Anwaltsbüros läuft die Ausbildungsorganisation ohnehin meist über das Personal. Welche konkreten Vorteile wären mit der zuerkannten Ausbildereignung verbunden?

Da gäbe es einige. Die Ausbildungsorganisation würde verantwortungsvoll auf qualifizierte Personen übertragen, und eben nicht nur einfach delegiert, wie es bisher der Fall ist. In manchen Kanzleien wird kein Ausbilder im Vertrag eingetragen, so gesehen gibt es dann auch keinen Ansprechpartner außerhalb des unterzeichnenden Berufsträgers. Die Inhalte der Rechtsfachwirt-Fortbildung (vgl. Informationsbroschüre Geprüfte/r Rechtsfachwirt/in der Rechtsanwaltskammer Köln) sind bei den Anwälten nicht bekannt, und damit auch nicht die Qualifikationen im Bereich der Personalführung und Ausbildung, die Rechtsfachwirte mit ihrer Fortbildung erworben haben.

Wie sehen die Details Ihres Vorstoßes genau aus?

Derzeit ist es nach dem Verordnungstext so, dass Rechtsfachwirte, die ihre Abschlussprüfung erfolgreich abschließen, bereits den theoretischen Teil der Ausbildereignung zuerkannt bekommen. Nach einer bestandenen Zusatzprüfung im praktischen Bereich sollen sie dann die Ausbildung in der Kanzlei in Abstimmung mit der Kanzleiführung eigenverantwortlich leiten und organisieren dürfen.

Wurde dieser Ansatz im Bundesverband oder den Landesverbänden schon häufiger diskutiert?

In verschiedenen Gremien war das immer wieder mal ein Thema. Bei jeder Anwaltskammer gibt es Berufsbildungsausschüsse. Einige Ausschüsse haben bereits über konkrete Umsetzungen nachgedacht, sind dann aber auf die ReNoPatAusb-FachEigV gestoßen, die eine Umsetzung derzeit unmöglich macht. Auch der Verein Forum Deutscher Rechts- und Notarfachwirte hatte bereits 2017 im Rahmen der Diskussion, welche Aufgaben Rechtsfachwirte in den Kanzleien übernehmen könnten, die Ausbildungskompetenz auf der Agenda. Nun sind der Bundesverband und der Verein gemeinsam mit einem konkreten Vorstoß an das Ministerium herangetreten, um auf Bundesebene die nötigen Voraussetzungen zu schaffen.

Einige Kanzleimitarbeiter sind eigeninitiativ den Weg gegangen, die Ausbildereignungsprüfung nach der AEVO abzulegen. Hat es viele solcher Fälle gegeben? 

Tatsächlich haben einige Fachangestellte und Fachwirte in Eigenorganisation einen „Ausbilderschein“ bei der IHK gemacht. In der Kanzlei nützt ihnen das nichts, denn auch hier auszubilden, gibt die AEVO nicht her. Allerdings können Anwaltskammern grundsätzlich ihre Zustimmung erteilen, dass der- oder diejenige auch in der Kanzlei ausbilden darf. Mir ist allerdings nur ein Fall bekannt, wo dies erfolgreich geschehen ist und einer Fachwirtin gestattet wurde auszubilden. Dies aber nur auf Widerruf und allerdings auch nur mit erheblichem Aufwand und Engagement der Fachwirtin, die ihre Eignung ausführlich darlegte.

Es ist schon eine verkehrte Welt: So dürfen Rechtsfachwirte nach dem praktischen Teil der Prüfung bei der IHK Kaufleute für Bürokommunikation ausbilden, aber nicht im eigenen Berufsbild eine Rechtsanwaltsfachangestellte, wovon sie ja nun viel mehr verstehen.

Derzeit ist die Ausbildereignung allein den Berufsträgern vorbehalten, also Anwälten, Notaren und Patentanwälten. Wie sehen konkret die von Ihnen angestrebten gesetzlichen Änderungen aus? Und wer ist an diesem Prozess auf welchen Ebenen beteiligt?

So wie wir es sehen, müsste entweder die ReNoPatAusb-FachEigV angepasst werden, oder die AEVO sich auch auf die Rechtsberufe erstrecken. Welchen Weg das Ministerium da gehen wird, wird sich nun zeigen. Im Augenblick hat das Ministerium die Arbeitgeberseite gebeten, Stellung zu nehmen. Dort geht der Weg dann über den Bund der Freien Berufe, über die Bundesrechtsanwaltskammer, die Bundesnotarkammer sowie die Patentkammer bis zu den örtlichen Anwalts- und Notarkammern. Diese sind nunmehr zur Stellungnahme aufgefordert, ob sie eine entsprechende Änderung für sinnvoll halten oder eher nicht. Es gibt schon Rückmeldungen einiger Kammern, dass sie den Antrag für sinnvoll halten, weil er letztendlich die Realität in den Kanzleien abbildet.

Ein Prozedere mit vielen Akteuren.

Genau, deshalb geht das alles auch nicht ad hoc, sondern muss auf den jeweiligen Ebenen besprochen werden. Allerdings ist auch bekannt geworden, dass einige Kammern zwar Rückmeldungen gegeben haben, aber nicht das zuständige Gremium, nämlich den Berufsbildungsausschuss eingebunden haben. Die örtlichen Ausschüsse sind in Angelegenheiten der beruflichen Aus- und Weiterbildung anzuhören, so sieht es das Berufsbildungsgesetz vor. Wenn diese die Korrespondenz gar nicht erhalten, wird ein wichtiges Gremium im Bereich der beruflichen Bildung ausgehebelt und werden die Mitglieder, die sich in diesen Ausschuss haben wählen lassen, um an beruflicher Bildung mitzuarbeiten, nicht angehört. Das finden wir sehr bedauerlich, da doch gerade diese Ausschussmitglieder sich intensiv mit diesen Themen auseinandersetzen und dem Vorstand ein Votum mitteilen könnten. Das geschieht ja unterstützend und im Wunsche nach Kooperation, damit alle Seiten nicht nur eingebunden sind, sondern alle Beteiligten auch ihre Ideen oder Bedenken einbringen können.

Sehen Sie für Rechtsfachwirte insoweit noch einmal höhere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, wenn Anwälte wissen, dass Sie die Ausbildung an qualifizierte Kräfte delegieren können und entlastet werden?

Bei dem derzeit bestehenden Fachkräftemangel kann man nicht von „höhere Chancen“ für Rechtsfachwirtin sprechen. Die Chancen stehen sowie so gut. Aber es ist eine große Chance für die Kanzleien. Zum einen den Bereich Ausbildung nicht nur an Fachwirte zu delegieren, sondern in verantwortungsvolle und gut ausgebildete Hände zu übertragen. Und zum anderen auch durch die Beteiligung der Fachwirte im Bereich Ausbildung eine Wertschätzung zu vermitteln und darüber eine Identifikation mit der Kanzlei zu erreichen.

  Dieser Beitrag wird zur Verfügung gestellt von: ReNoSmart, die Online-Bibliothek für Kanzlei- und Notariatsmitarbeiter  
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