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Mit Recht am Schreibtisch – schon im ersten Lehrjahr die digitale ReNo-Zukunft vor Augen

Mit Recht am Schreibtisch – schon im ersten Lehrjahr die digitale ReNo-Zukunft vor Augen
© cetteup / Unsplash

Jetzt strömen sie wieder in die Kanzleien: Neue Auszubildende nehmen den Kampf mit Paragrafen und kniffligen Rechtsproblemen auf. Da auch die Rechtsberatungsbranche von der Digitalisierung ordentlich durchgeschüttelt wird, fragen sich viele künftige Fachkräfte: Lerne ich das, was meinen Job krisenfest macht? Bin ich ein (ReNo-)Fuchs, wenn ich mir ergänzend Fachwissen aneigne und ein Netzwerk mit Experten aufbaue? Wir geben Ihnen Tipps, welche Sprossen der Digital-Leiter sich lohnen hinaufzuklettern. Ein Anwalt, der sich tiefgehend mit Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung beschäftigt, erklärt im Interview übrigens auch, wie die Rechtsanwaltsfachangestellten von morgen gut aufgestellt sind.

 

1. Status quo: Digitalisierung? I wo!

Juristen werden für das Richteramt ausgebildet, Berührungen mit Legal Tech-Themen und den tektonischen Veränderungen, die gerade auf dem Rechtsmarkt rumpeln, haben sie während der universitären Ausbildung kaum. Dies ist auch der Tenor eines im Juli 2020 publizierten Gutachtens, das im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung von Prof. Dr. Heribert Anzinger erstellt wurde. Dabei hat Anzinger die Ausbildungsinhalte der 54 deutschsprachigen Jura-Fakultäten untersucht und mit internationalen Fakultäten verglichen. Einige Resultate hat das Handelsblatt in diesem Beitrag aufgegriffen.

Für die fleißigen Kanzleikräfte gilt dasselbe: Die digitale Kanzlei, Automatisierung von Büroabläufen – sieht man einmal von der zwangsweisen Homeoffice-sierung dank Corona ab – sind Tech-Themen sowie die digitale Ausrichtung der eigenen Rechtsdienstleistungen oft kein Thema. Aber wer jetzt seine Ausbildung beginnt, merkt auch: es tut sich einiges, und das Tempo, mit dem sich der Anwaltsberuf wandelt, hat zugelegt. Bekannte automatisierte Dienstleistungen wie flightright.de oder geblitzt.de sind ja nur kleine Vorboten für das, was im großen Kessel der Möglichkeiten brodelt. Selbstredend ändern sich klassische Aufgabenfelder qualifizierter Kanzleiangestellten nicht, aber es werden neue nachgefragt. Es lohnt sich zudem zu fragen, ob man nicht später in Kanzleien arbeiten will, wo man sich technischen Rechtsfragen und IT-Fragestellungen  gegenübersieht, oder die eben deutlich digitaler in der Büroorganisation aufgestellt sind, als man es aus der Ausbildung kannte.

 

2. Wie Kanzleien die Ausbildung ins digitale Zeitalter befördern

„ReFa-Azubis sind aufgrund der Ausbildungsinhalte gut gerüstet für die klassische Anwaltskanzlei. Moderne Legal-Tech-Kanzleien, die auf automatisierte Abarbeitung weitgehend typisierter Sachverhalte spezialisiert sind, werden aber schon von ihren ReFa-Azubis zunehmend ein technisches Verständnis für die Kanzleiabläufe erwarten, sagt Oliver Schwartz, Rechtsanwalt und Leiter Legal Tech bei soldan #insights. Schwartz referierte im vergangenen Jahr auch auf dem DAV-Expertenforum „Die Zukunft eines Berufes“, welche digitalen Kompetenzen die Kanzleitmitarbeiter von morgen brauchen. „Die Kanzleien werden Vorschläge erwarten, wie auch beispielsweise die Bereiche Gebührenabrechnung und Zwangsvollstreckung ähnlich automatisiert werden können. Die wertvollen Kenntnisse der Azubis in diesen Bereichen können auch solchen Kanzleien enorm helfen, wenn sie mit hinreichendem Verständnis für Technik und dem Geschäftsmodell der Kanzlei kombiniert werden.“

Und es ist ja nicht ausgeschlossen, dass Sie noch während der Ausbildung aufgabentechnisch in neue digitale Gefilde geschubst werden. So wie im Büro von Kanzleigründer Chan-jo Jun, Fachanwalt für IT-Recht in Würzburg, der mit seinen Partnern tief ins Reich der Nullen und Einsen abtaucht. Wo er die Digitalisierung in der Robenzunft sieht und was ReFas bei ihm können müssen, erklärt er im Interview.

Die Digitalisierung krempelt auch die Juristenbranche um. Was bedeuten diese Entwicklungen für das Aufgabenspektrum der Rechtsanwaltsfachangestellten? 

Digitalisierung macht arbeiten zunächst effizienter und führt dann zum Wegfall von Arbeit. Das begann mit dem schnelleren Kopierer und setzt sich aktuell mit Spracherkennung fort. Allmählich setzen sich aber Techniken durch, bei denen die Wertschöpfung nicht nur effizienter in der Kanzlei wird, sondern sogar auf Legal-Tech-Unternehmen oder direkt zum Mandanten verlagert wird. Den Wegfall von Flugpreisentschädigungen können Anwälte gut verschmerzen, Streitigkeiten um Mietanpassungen ebenso. Automatisierte Due Diligence beim Unternehmenskauf und toolbasierte Vertragserstellungen im Unternehmen ersetzt direkte Anwaltsstunden – und das betrifft das Sekretariat mittelbar. Rechtsanwaltsfachangestellte „verlieren“ auch direkt mit der automatisierten Regulierung von Verkehrsunfällen und mit der Verdrängung vom anwaltlichen Forderungseinzug durch Streitbeilegungsplattformen wie PayPal.

Da fällt schon einiges weg.

Richtig, aber gleichzeitig entstehen natürlich auch neue Aufgaben für digital aufgeschlossene Kanzleien bei der Entwicklung, Pflege und dem Betrieb der Systeme. Die neuen Aufgaben kompensieren den Verlust an menschlicher Arbeitszeit natürlich nicht, so dass es zahlenmäßig mehr Verlierer als Gewinner geben wird. Die Unterscheidung verläuft anhand der digitalen Kompetenz und der unternehmerischen Bereitschaft.

Wie intensiv sind Ihre Mitarbeiter in die Bereiche Digitalisierung und technischer Lösungen für Mandanten eingebunden? 

Unsere Kanzlei entwickelt und betreut seit fast zehn Jahren digitale Tools für Rechtsabteilungen in den Bereichen Lizenzrecht, Compliance und Vertragserstellung. Die Anwälte formulieren neue Vertragsklauseln und die Rechtsanwaltsfachangestellten aktualisieren diese in den Datenbanken, legen Benutzer an und ergänzen die Whiteliste im IP-Blocker.

Was müssen junge Bewerber idealerweise mitbringen? Welches Vorwissen ist sinnvoll, welche Fertigkeiten vermitteln Sie selbst?

Fachwissen ist so kurzlebig, dass wir weder bei Anwälten noch bei unseren ReFas darauf setzen, dass es jemand mitbringt. Stattdessen brauchen ReFas die Offenheit, sich mit der neuen Materie auseinanderzusetzen und auch im Job zu lernen. Das klingt leichter als es ist, weil viele ReFas lieber die mühsam erworbenen Spezialkenntnisse im Vollstreckungs- und Gebührenrecht anwenden, als beispielsweise ein neues Ticketsystem zu erlernen.

Kürzlich haben Sie erste Prototypen Ihrer „junBots“ vorgestellt. Was steckt hinter diesen Schlauköpfen?

Die JunBots sind intelligente Entscheidungshilfen zu rechtlichen oder auch nicht-rechtlichen Einzelfragen. Die Prototypen unserer Bots beschäftigen sich beispielsweise damit, wann die DSGVO anzuwenden ist, oder was technisch und rechtlich beim Streaming in Klassenzimmern zu beachten ist. Mit ihnen wollten wir eine neue Technologie, nämlich Graphendatenbanken, auf ihre Eignung für komplexe juristische Sachverhalte erproben. Graphendatenbanken eignen sich für besonders komplexe Fragestellungen, und Jura gehört eben dazu. Klingt zunächst abstrakt, ich habe es aber auch in einem kurzen Video auf unserer Website erklärt. Der Bot greift auf von Menschen programmierte Regeln zurück, damit kommt man bei juristischen Sachverhalten zu zuverlässigeren Ergebnissen. Ich hatte bei meiner Kanzleigründung vor 20 Jahren durch vorherige Forschungsarbeiten einen gewissen Wissensvorsprung, den wir in die Mandantenprojekte einbringen konnten. Jetzt wurde es wieder Zeit, mit Grundlagenforschung aufzuschließen, daher hatten wir in einem Team aus vier Juristen und Informatikern über mehr als ein Jahr an Prototypen gebastelt und viel darüber gelernt, was bestimmt nicht funktioniert. Wir setzen das Projekt jetzt mit Universitäten fort.

Juristen und Informatiker im Austausch – sieht so oder ähnlich die Zukunft aus? Eine Fachgruppe entwickelt im Kollektiv neue und gezielte Rechtsberatungsangebote, wie es beispielsweise auch das Berliner Freshfields Lab vormacht?

Die Verbindung zwischen Juristen und Entwicklern ist die Sollbruchstelle, an der Projekte häufig scheitern. Man bräuchte entweder programmierende Juristen mit Unternehmergeist oder Wirtschaftsinformatiker, die das Recht verstehen. Wir rätseln noch, welche Berufsgruppe den Sprung über den Tellerrand schneller schafft.

Wie wichtig sind welche Fremdsprachen im Alltag Ihrer Kanzleimitarbeiter?

Anwälte müssen jederzeit ihre Telefonkonferenzen auch auf Englisch führen können. Kanzleimitarbeiter müssen schriftlich auf Englisch korrespondieren, aber selten längere Telefonate führen. Andere Sprachen spielen bei uns keine Rolle.

Sie beschäftigen sich schwerpunktartig mit dem Einsatz von KI in Rechtsabteilungen. Wo finden die nächsten entscheidenden Entwicklungssprünge, ob nun beim Anwalt oder im Justizbetrieb?

Obwohl wir an Innovation forschen, glauben wir, dass die nächsten Sprünge in der Praxis gar nicht so sehr durch KI ermöglicht werden. Die erfolgreichen neuen Geschäftsmodelle sind technisch geradezu trivial. Die Veränderung kommt jedoch mit der Bereitschaft der Rechtsuchenden, sich auf Technologie einzulassen und dabei geringere Qualität für höhere Geschwindigkeit und niedrigere Kosten einzutauschen. Diese Entwicklung findet außerhalb der klassischen Rechtspflege statt.

Bei Gericht wäre das größte Potenzial, wenn man den Austausch von Schriftsätzen dadurch ersetzen würde, dass der streitige Sachvortrag direkt in ein gemeinsames Revisionsdokument geschrieben wird. Es macht doch keinen Sinn, die Parteien mit redundanter Prosa aus langatmigen Schriftsätzen zu langweilen, wenn sich die Neuigkeit auf ein substantiiertes Bestreiten in einer entscheidungserheblichen Frage beschränkt. Technisch reicht dafür ein GoogleDoc.

 

Hinweis
Viele Tipps, Hilfen und Anregungen finden Sie in unserem Azubi-Guide, der auch in der ReNoSmart-Bibliothek steckt. Der pralle Ratgeber widmet sich Berufsschule, Finanzen, Berichtsheft, Schwierigkeiten in der Ausbildung und anderen Themen und kann auch als Buch beim ZAP Verlag (15 €) bestellt werden. Ebenfalls in ReNoSmart enthalten ist der Ausbilder-Leitfaden ReNoFa richtig ausbilden, mit Tipps für den Ausbildungsbeginn, Hinweisen zu Prüfungen und wie Lehrplaninhalte ideal umgesetzt werden. 

 

3. Während der Ausbildung auf die digitale Überholspur wechseln

Wer sich mit digitalen Angeboten und Anbietern auskennt, unterscheiden und passende Lösungen erkennen kann, bildet sich im Büro nicht nur in Sachen Digitalisierung weiter, sondern profitiert davon auch, wenn er später bei anderen Arbeitgebern genau diese Qualifikationen braucht oder sie zumindest den Einstieg erleichtern. Dazu müssen Sie weder Programmierer werden, noch komplexe Algorithmen verstehen. Hier ein paar Beispiele, wie Sie berufsbezogen kleine Kernkompetenzen aufbauen:

✅ Ihre Kanzlei braucht eine Cloud: Bieten Sie an, Anbieter zu recherchieren, vergleichen Sie Angebote und lassen Sie sich dabei Datenschutz und technische Rahmenbedingungen erklären. Lesen Sie sich in BRAO- oder BORA-Vorschriften ein, so dass Sie auch die „Juristensicht“ checken. Indem Sie wissen, auf was Ihr Chef zwingend achten muss, können Sie diesen Schritt vorausdenken, ihm die Arbeit erleichtern – und werden sicher künftig zu einem gefragten Ansprechpartner bei ähnlichen Problemen.

✅ Datenarchivierung, DSGVO & Co.: Schauen Sie regelmäßig in die neueste Rechtsprechung, was die Anwaltspflichten in Sachen beA, Datenschutz im Büro oder das Auslagern von anwaltlichen Dienstleistungen sagt. Sie lernen dabei dann auch, was technisch möglich ist und wo  Problemzonen für Anwälte verlaufen, die man eben nicht ohne Expertenmeinung auflösen kann. Hintergrundwissen rules.

✅ Machen Sie regelmäßig Vorschläge, wie Sie mit digitalen Angeboten Mandanten informieren und an die Kanzlei binden wollen: Ein Flachbildschirm im Wartebereich, auf dem in einem Video die Kanzlei vorgestellt wird, ein solches Video auch produzieren/in Auftrag geben, einen Mandanten-Newsletter konzipieren. Anbieter finden, die günstig eine neue Kanzlei-Website erstellen oder die alte überholen. Hier warten jede Menge Ideen, die nur ausgebrütet sein wollen.

 

Kurz und gut: Ihre Ansätze während der Ausbildung tragen langfristig Früchte

🆗 Sie erwerben durch den engen Kontakt mit Anbietern oder Dienstleistern eine Menge grundsätzliches Wissen zur Digitalisierung im Beruf und was in kleinen Büros umsetzbar ist und was nicht.

🆗 Sie lernen, Ideen auszuarbeiten und fortzuentwickeln sowie Mandanten auf digitalen Kanälen  anzusprechen und können damit auch in späteren Vorstellungsgesprächen punkten.

🆗 Sie bauen sich ein Netzwerk aus Unternehmern, Ansprechpartnern und Softwarespezialisten auf, auf die Sie künftig zugreifen können. Daher: Vernetzten Sie sich mit diesen und pflegen Sie Ihre Kontakte, aus denen auch Freundschaften werden können. Sie müssen nicht eine riesige Experten-Allianz um sich scharen. Wenn Sie nur einen Softwareexperten oder einen IT-ler im Netzwerk haben, ist das schon ein wichtiger Stein in Ihrer wachsenden Wissensmauer.

 

4. Hintergrundwissen und Lernhilfen

Das Internet ist eine Wundertüte, und man muss sich nicht stets bis auf ihren Grund hinuntergraben. So bieten die Industrie- und Handelskammern in diesem Jahr das kostenlose Online-Angebot Elements of AI an, hinter dem mehrere Kurse stecken, die Wissen in Sachen Künstlicher Intelligenz mit praktischen Übungen verknüpfen. Wenn Sie Lösungen für Ihre Kanzlei recherchieren, lohnt ein Besuch der Themenseite Digitale Kanzlei des Deutschen Anwaltvereins. Der Monitor des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales erläutert mit zahlreichen Grafiken, wie und in welchen Branchen die Digitalisierung den Arbeitsalltag in neue Richtungen treibt.

Nutzen Sie ferner Literatur oder Fachartikel, die Themen wie Legal Tech oder digitale Kanzleiorganisation aufgreifen und Einschätzungen und Analysen von Fachleuten vorstellen, z.B.

✅ Anwaltsblatt (08.06.2020) | Digitale Kanzlei 2020: Wie sich Digitalisierung in den Kanzleialltag integrieren lässt

✅ Interview-Reihe Legal Tech: Hey Du, wir müssen reden! (Anwälte, Unternehmer und die Leiterin in einer Wirtschaftskanzlei geben Antworten zur Automation in der Rechtsbranche).

  Dieser Beitrag wird zur Verfügung gestellt von: ReNoSmart, die Online-Bibliothek für Kanzlei- und Notariatsmitarbeiter  
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