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„Machen Sie Kanzleimitarbeiter zu ihren Partnern“ (ReFa-Diskussion Anwaltstag 2019)

„Machen Sie Kanzleimitarbeiter zu ihren Partnern“ (ReFa-Diskussion Anwaltstag 2019)
©Thorsten Thierbach

Zuletzt drängelte er sich auch mehrmals auf die Seiten des Anwaltsblatts, der „Rechtsstreit“ Anwälte ./. Fachkräftemangel. Verfahrensende? Schwer absehbar. Eine kleine „Beweisaufnahme“ fand jetzt auf dem diesjährigen Anwaltstag in Leipzig statt.

90 Minuten Zukunft – wenn es denn eine gibt. „Kanzlei künftig ohne Fachkräfte?“ hieß der Impulsvortrag samt anschließender Diskussion auf dem Anwaltstag.

Wir haben uns ein paar Reaktionen aus dem Publikum angehört. Ein kleiner Spurt durch interessante Gedankengänge.

 

1. Die große Ratlosigkeit

Viele Dramen beginnen mit Zahlen, das ist hier nicht anders, gleich zu Beginn erscheinen die sinkenden Zahlen der Ausbildungsverhältnisse in Kanzleien an der Wand. Gute Einstimmung ist alles. Seit Jahren geht das nun schon so und eine entscheidende Trendwende ist kaum in Sicht. Woran es liegt? Dazu ist in den letzten Jahren viel geschrieben und wohl noch mehr diskutiert worden. Ein kritisches Fazit der Bestandsaufnahme wird nur wenig später an die Wand projiziert:

Kaum neue Azubis/kein Interesse, schlechter Ruf der Arbeitgeber, ein kaum präsentes Berufsbild in der Schulzeit, Defizite in der praktischen Ausbildung und eine schlechte Bezahlung.

Zu der nächsten unangenehmen Zahl ist es dann auch nicht weit: 41% der Azubis sehen sich als billige Arbeitskraft.

2. Keine Patentrezepte, aber es tut sich was…

Ok, eine einfache Lösung für die allseits bekannten Probleme konnte auch die Veranstaltung auf dem DAT 2019 nicht liefern. War auch nicht zu erwarten. Aber es tut sich schon etwas, wenn man mal näher hinschaut. Der Ausschuss ReNo im DAV bietet diese Veranstaltung nun schon zum wiederholten Male auf einem Deutschen Anwaltstag an. Wie mir Sabine Vetter vom Rechtswirtforum berichtete, saßen hier vor drei Jahren gerade mal 3 Zuhörer, letztes Jahr waren immerhin schon zwei Stuhlreihen gefüllt und 2019 war der kleine Saal bis auf den letzten Platz voll – schätzungsweise 50-60 Anwälte haben sich für die Diskussion „ReNo/ReFa – Zukunft“ interessiert. Das ist noch nicht genug, aber ein Anfang! 

Viele unterschiedlichste Aspekte spiegeln sich dann in den Meinungen der Zuhörer. Ebenso problematisch, dass Beruf und Anforderungsprofil bei der Agentur für Arbeit häufig nicht genau genug dargestellt würden, sei das Vermittlungsproblem insgesamt. Wie er denn hier Anwalt werden könne, hätte ein Jugendlicher gefragt, so ein Diskussionsteilnehmer. Ein Beispiel dafür, dass die Tätigkeit als qualifizierte Kraft in einer Kanzlei oft gar nicht als Ausbildungsoption wahrgenommen wird, wie andere Büroberufe.

 

Hinweis
Haben Sie diese Erfahrung auch schon gemacht (und wir meinen nicht die Klassiker-Gleichung „Rechtsanwaltsfachangestellte = ‚Tippse'“). Nein, eher das Grundproblem, dass Ihr Job überhaupt als Ausbildungsberuf registriert wird. Sind ReFas unsichtbar? Wird angenommen, die klugen Lotsen in den Kanzleien sind allgemeine Bürokräfte, die sich alles Notwendige irgendwie aneignen, in einer Art Dauerschleife learning by doing? Oder anders: Wer hat Sie im Büro schon mal konkret auf die Ausbildung angesprochen (aus allgemeinem Interesse oder weil er oder sie diese konkret machen möchte)? Würde uns interessieren, diskutieren Sie dazu doch mit auf unserer Facebook-Seite. Unser ReNo-Füchschen spitzt dazu auch schon die Ohren (oder putzt seine Brille, besser gesagt).

 

Ein weiterer Jurist merkt an, dass viele Anwälte die Möglichkeit unterschätzen könnten, Quereinsteiger zu gewinnen. Selbst wer zuvor in anderen Branchen tätig war, kann, wenn er denn erfährt, wie vielseitig und abwechslungsreich das Tätigkeitsspektrum bei den Robenträgern ist, für eine erfolgreiche Ausbildung bzw. Mitarbeit gewonnen werden. Einer der interessantesten Ansätze, die in der Diskussion zu hören waren:

„Machen Sie die Mitarbeiter zu Ihren Partnern! Binden Sie sie stärker ein. Sie werden sich wundern, welche Potenziale in ihren ReNos stecken!“

Das geht einher mit größerer Teilhabe daran, wie die Kanzlei sich aufstellt, wie intensiv Auszubildende und Mitarbeiter in Kanzleistrategien und Arbeitsvorgänge eingebunden werden und damit auch aktiv in anspruchsvolle Aufgabenbereiche hineinwachsen. Fördert wesentlich die Identifikation mit dem, was man tut. Stärker in die Schulen müsse man, so eine Meinung. Insoweit wünschte sich eine Zuhörerin aber auch mehr Unterstützung seitens des Anwaltvereins.

Und auch dieser Standpunkt kam in die Runde:

die angespannte Nachwuchssituation könne man nicht allein der Anwaltschaft anlasten.

Die Ausbildung sei nicht einfacher geworden und ja, mitunter genügen die Auszubildenden nicht den Ansprüchen, die vorauszusetzen sind. Resultat: ein aufgelöstes Ausbildungsverhältnis, eine verlorene Nachwuchskraft. Ein Ablauf, der nicht zwingend so geschehen muss. Viele Schwierigkeiten, die auch gerne schon während der Probezeit entstehen, sind lösbar. Dass gerade diese Zeitspanne tückisch ist, betont Ronja Tietje, Vorstandsmitglied des RENO Bundesverbandes und ebenfalls auf der Veranstaltung anwesend: „Es ist wichtig, dass Ausbilder zeitnah und fortwährend mit den Auszubildenden sprechen und Feedback einholen und auch abgeben, um Missverständnisse in der Ausbildung vorzubeugen. Insbesondere zum Ende der Probezeit ist ein Gespräch für die Auszubildenden sehr wichtig, da oft dieser Zeitraum für Azubis auch mit Ängsten und Sorgen verbunden ist. Denn sie können nicht einschätzen, wie der Ausbilder mit ihrer Arbeit zufrieden ist.“ Womit ein wichtiger Punkt angesprochen ist: Inwieweit das Fachpersonal die Ausbildung unterstützen und sich hier engagieren kann. „Der RENO Bundesverband würde sich sehr freuen, wenn es gelingt, die Ausbildereignungsverordnung mit Blick auf die freien Berufe zu öffnen und insbesondere zum Beispiel eine Öffnungsklausel einzubauen, so dass die Berufsträger die Verantwortung der Ausbildung auf ihr Fachpersonal delegieren könnten“, so Tietje.

Und auch an dieser Stelle muss ich als Beobachter der Diskussion noch mal etwas sehr positives festhalten:

Die ReNo Vereinigungen engagieren sich stark für die Belange der ReNos und für das gesamte Berufsbild

In der Diskussion waren sie vertreten durch Ronja Tietje vom ReNo Bundesverband und Sabine Vetter vom FORUM Deutscher Rechts- und Notarfachwirte e.V. Und als Zuhörer merkte man deutlich, dass hier mit Herz und Sachverstand zielgerichtet für alle ReNos vorgegangen wird. Es ist zwar noch ein sehr langer Weg, aber es geht in kleinen Schritten vorwärts. Jeder Leser dieser Zeilen, der möchte, dass die Umstände und Bediungenfür ReNos langfristig besser werden, der sollte die ReNo Vereinigungen bei Ihrem unermüdlichen Einsatz unterstützen! Denn noch stehen 3.500 organisierte ReNos gut 70.000 im DAV organisierten Anwälten gegenüber. Kräftegleichgewicht sieht anders aus. Ich kann daher nur jeden dazu aufrufen: tretet einer ReNo Vereinigung bei und engagiert euch für euren Beruf. Es kostest nicht viel, bringt aber langfristig was. Je mehr mitmachen, desto eher geht es voran.

 

3. Fazit: Im Wartezimmer ohne Ausgang?

Viele gute Ansätze und Einsichten – aber wie man rasch steigende Ausbildungszahlen verzeichnen kann, bleibt schwierig. Und der Druck, der sich in den letzten Jahren in der Personalmisere aufgebaut hat, macht den Spielraum für lange Überlegungszeiten nicht komfortabel. Trotz einzelner Schritte in jüngerer Zeit, darunter die von vielen Anwalts- oder Notarkammern initiierten Ausbildungskampagnen sowie diejenige des DAV, und natürlich das große Engagement, das sich oft verborgen in vielen Berufsschulen, Kanzleien und unter Verbandsexperten abspielt. Vielleicht haben einfach auch ein paar Anekdoten zu viel die Runde gemacht, in denen ReFa-Azubis über besonders „kreative“ Ausbildungsansätze berichten, die von regelmäßigen Einkaufsaufträgen bis zu ausufernden privaten Botendiensten reichen.

Am Ende der Veranstaltung wurde noch mal gut auf den Punkt gebracht, was Änderungsansätze sind:

Attraktivität als Arbeitgeber / Wertschätzung

  • Bezahlung verbessern
  • Flexibilität erhöhen (bspw. Stundenreduzierung, Homeoffice Möglichkeit)
  • Anforderungsprofil schärfen

Qualität der Ausbildung weiter verbessern

  • Ausbildereignung für Nicht-RAe – Praktiker als Lehrer (also das von Ronja Tietje geforderte Delegieren der Ausbildung vom RA auf andere erfahrene Kanzleimitarbeiter)

 

Das ist zwar alles nicht neu, aber steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein.

Auch andere Szenarien sind denkbar: Es ist nicht ausgeschlossen, dass das eigenständige Berufsbild der ReFas tatsächlich irgendwann einfach verschwindet, dessen Inhalte in einen anderen Ausbildungsberuf aufgehen oder es möglicherweise nur noch von privaten Trägern angeboten wird. Nicht schön, aber eben auch nicht mehr undenkbar. Ein provokanter Blick in die Glaskugel: Wird man hier nicht in den nächsten Jahren geschlossen und vor allem entschlossen einen Weg finden, die Ausbildungszahlen zu steigern, sind solche Prognosen realitätsnäher als es vielen lieb ist. Und dann gibt es den nächsten Vortrag, nur dass man dann im Titel das Wörtchen „künftig“ streicht. Und das Fragezeichen.

Aber ich möchte diesen Bericht lieber positiv beenden. Mein ganz persönliches Fazit ist nämlich:

Es gibt noch Hoffnung, weil auf beiden Seiten die Gesprächsbereitschaft da ist und man sich aufeinander zubewegt. Ja, vielleicht langsamer, als viele sich wünschen, aber immerhin. Es ist wie immer im Leben auch an jedem Einzelnen, etwas zur Verbesserung beizutragen. Also wartet nicht ab, dass andere liefern. Engagiert euch selbst!

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